Revolution: Schillernder Begriff für vielfältige Phänomene


Revolution: Schillernder Begriff für vielfältige Phänomene
Revolution: Schillernder Begriff für vielfältige Phänomene
 
In der Nacht nach der Erstürmung der Bastille im Juli 1789 soll der bestürzte Ludwig XVI. mit dem Herzog François Alexandre Frédéric von La Rochefoucauld-Liancourt über das Geschehen gesprochen und behauptet haben: »Das ist eine Revolte«; dieser aber war anderer Meinung: »Non, Sire, das ist eine Revolution.« Es nimmt nicht wunder, dass der König von Frankreich — wie übrigens viele seiner Zeitgenossen — jedwede Handlungen gegen die althergebrachte, gottgewollte Ordnung bekämpfte und als illegal beurteilte. Die Entgegnung des Herzogs hingegen lässt bereits ahnen, dass sich mit der Französischen Revolution ein völlig neues Revolutionsverständnis durchsetzte: Gewaltanwendung und die Idee der Volkssouveränität gehörten fortan zum Kern des Revolutionsbegriffes. Revolutionen wurden als Umwälzungen verstanden, die einen unumkehrbaren gesellschaftlichen Wandel einleiteten und erstrebenswerte Ziele wie Emanzipation, Freiheit und Fortschritt zumindest in Ansätzen verwirklichten. Dass sich selbst Gegner von Revolutionen den mit diesen verbundenen positiven Inhalten nach 1789 nicht entziehen konnten, beweist Johann Wolfgang von Goethes »Verteidigung« in einem Gespräch mit dem Schriftsteller Johann Peter Eckermann im Jahre 1824: »Weil ich nun aber die Revolutionen hasste, so nannte man mich einen Freund des Bestehenden. Das ist aber ein sehr zweideutiger Titel, den ich mir verbitten möchte.«
 
Heute wird das Wort Revolution geradezu inflationär gebraucht. So spricht man in Zusammenhang mit den Veränderungen Ende der 1960er-Jahre von »Studentenrevolution« oder »sexueller Revolution«; die Werbebranche präsentiert eine »Revolution in der Hutmode«, und die »Revolution in der Gartenarchitektur« soll Innovatives und Unerwartetes im Grenzbereich von Kunst und Kommerz verheißen.
 
Im politischen Bereich ist der Begriff der Revolution ebenfalls nicht eindeutig bestimmt. So gibt es etliche Umstürze, bei denen umstritten ist, ob sie als Revolutionen zu gelten haben. Dazu gehören Staatsstreiche oder Putsche, in denen der Versuch unternommen wird, die amtierenden Führer einer Regierung zu ersetzen und bestehende Verfassungsorgane zu beseitigen. Solche Umstürze werden meist von einem kleinen Kreis von Personen unternommen, die schon vorher politische Machtpositionen innehatten. Der Sturz des Direktoriums durch den späteren Kaiser Napoleon I. im November 1799 wird im Allgemeinen als Staatsstreich bezeichnet; Putsche werden hingegen häufig mit dem Militär in Verbindung gebracht. So stürzte eine kleine Gruppe von Militärs in Chile im September 1973 in einem blutigen Putsch den Präsidenten Salvador Allende Gossens und installierte eine Militärjunta. Gingen mit dem Putsch in Chile grundlegende soziale und verfassungsrechtliche Veränderungen einher, so werden bei Palastrevolutionen lediglich die Regierenden ausgetauscht; tief greifende Veränderungen staatlicher Politik sind damit nicht verbunden.
 
Der Übergang zwischen einer »Revolution von oben«, in der die Machthaber elementare Wandlungen initiieren, und grundlegenden Reformen ist fließend. Unabhängigkeitskriege von Kolonialvölkern, die die politische Bindung zum Mutterland auflösen wollen, können mit Revolutionen einhergehen. Auch Bürgerkriege sind manchmal mit Revolutionen verbunden; einige Forscher gehen sogar so weit, Bürgerkriege als eine unvermeidliche Phase von Revolutionen anzusehen, da sie sich oft als notwendig erweisen, um revolutionäre Ziele durchzusetzen.
 
 Vom Aufstand zum Fortschritt: Der Wandel des Revolutionsbegriffs
 
Im Mittelalter bezeichnete man gewaltsame Erhebungen einer rechtlich untergeordneten Partei, die bestehende Machtverhältnisse zumindest teilweise stürzen wollte, noch nicht als Revolutionen, sondern als Aufstände, Aufruhr, Empörungen oder Rebellionen. Auch Begriffe wie Verschwörung oder Hochverrat spiegeln die Sicht der Machthabenden wider, die die damit verbundenen Aktionen schon sprachlich als widerrechtlich brandmarkten und teilweise sogar als gewöhnliche Verbrechen ausgaben. Außerdem rufen diese Begriffe nicht Vorstellungen von tief greifenden strukturellen Veränderungen hervor, wie sie für das moderne Verständnis von Revolutionen charakteristisch sind.
 
In der frühen Neuzeit, also etwa der Zeit zwischen dem 15. und 17. Jahrhundert, war die Bedeutung des Wortes »Revolution« noch durch dessen Verwendung in der Astronomie geprägt, in der es den kreisförmigen Umlauf eines kleineren Himmelskörpers um einen größeren kennzeichnete. Auch im übertragenen Sinne bezeichnete »Revolution« daher eine Umwälzung, die frühere Zustände wiederherstellte. Die »Glorreiche Revolution« in England, durch die 1688/89 König Jakob II. abgesetzt und einige Rechte des Parlaments festgeschrieben wurden, war das erste politische Ereignis, das viele Zeitgenossen als Revolution bezeichneten. Vorderhand verstanden sie darunter eine Rückkehr zu früheren Verhältnissen, nicht den Beginn von etwas grundlegend Neuem, und gingen außerdem davon aus, dass solche revolutionären Wiederherstellungen von ursprünglichen Zuständen unumgänglich seien. Dennoch wurde bereits die »Glorreiche Revolution« als etwas Einmaliges angesehen, und in Frankreich meinten einige fortschrittliche Geister sogar, dass sie etwas Neues hervorgebracht habe. Aber erst im 18. Jahrhundert bildete sich allgemein die Überzeugung heraus, dass Revolutionen eine Verbesserung der bestehenden Zustände einleiteten und mit Fortschritt einhergingen. Während vormals Rebellen dem Vorwurf der Gehorsamsverweigerung, der oft ihr Handeln begleitete, dadurch begegneten, dass sie den Sturz von Despoten und die Wiederherstellung früherer Zustände als ihre Ziele benannten, berief man sich jetzt auf Revolutionen, um tief greifende, zuvor kaum denkbare Umwälzungen zu rechtfertigen.
 
Im Gefolge der Französischen Revolution etablierte sich ein neuer, grundsätzlich positiver Revolutionsbegriff. Er ermöglichte, illegale Handlungen und den Einsatz von Gewalt in Hinblick auf die Durchsetzung der revolutionären Ziele zu legitimieren. Revolution wurde zu einem Grundgedanken, dessen Realisierung man abzuwenden oder durchzusetzen versuchte. Da Revolutionen die Verwirklichung großer Ideale wie Freiheit oder Gleichheit auf ihrem Banner führten, konnte die Behauptung, man treibe sie voran, fast beliebig eingesetzt werden, um Machtergreifungen zu rechtfertigen. Ein Rebell zu sein, war negativ, aber ein Revolutionär zu sein, war fortan positiv besetzt und wurde nicht mit Verschwörung oder Hochverrat assoziiert. Gegner von missglückten Revolutionen bezeichneten die Akteure daher meist als widerrechtlich handelnde Rebellen oder Rädelsführer, während diese für sich in Anspruch nahmen, Revolutionäre zu sein. Darüber hinaus ging man anfangs davon aus, Revolutionen seien planbar, ihr Verlauf kraft freien menschlichen Willens steuerbar. Diese Annahme erwies sich aber allzu oft als ein Trugschluss; die Beteiligten machten sehr häufig die Erfahrung, dass sie das Geschehen ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr kontrollieren konnten. Dass Revolutionen eine Eigendynamik und eine inhärente Gesetzmäßigkeit zugeschrieben wurde, zeigt sich in Wendungen wie »Die Revolution frisst ihre eigenen Kinder«. Es liegt im Wesen von Revolutionen und der Unvorhersagbarkeit der Ereignisse, dass viele, die sich anfangs für oder gegen einen Umsturz engagierten, dies niemals getan hätten, wenn sie die tatsächlichen Folgen hätten absehen können. Einer solchen Fehleinschätzung erlagen im Verlauf der englischen Revolution schon viele Zeitgenossen, die im Jahre 1641 die Opposition gegen König Karl I. vorangetrieben hatten und dann völlig entsetzt auf die Hinrichtung des Königs im Jahre 1649 reagierten, um die elf Jahre später folgende Restauration des Königtums mit großer Freude zu begrüßen. Umgekehrt beurteilten einige Zeitgenossen wie Benjamin Franklin im Vorfeld der Amerikanischen Revolution die Maßnahmen der englischen Regierung als durchaus vertretbar und wollten keineswegs eine Loslösung vom British Empire. Nach dem Beginn des Krieges und der Erklärung der Unabhängigkeit wurden aber aus anfänglichen Zweiflern enthusiastische Revolutionäre, die sich mit großem Engagement für die Errichtung eines eigenständigen demokratischen Staates einsetzten.
 
Insgesamt werden Revolutionen seit dem 18. Jahrhundert als etwas grundsätzlich Positives angesehen, das Fortschritt und Verbesserungen einleitet. Dies zeigt sich darin, dass Kräfte, die sich gegen sie richten, meist mit abschätzigen Begriffen, zum Beispiel Gegen- und Konterrevolutionäre oder Reaktionäre belegt werden. Ebenso wie schon Ludwig XVI. bezeichnen Revolutionsgegner Revolutionen daher eher als politische Umstürze oder sogar Revolten.
 
 Das heutige Revolutionsverständnis
 
Es liegt an der Komplexität politischer Umstürze und an der Menge der Ereignisse, die als Revolutionen bezeichnet worden sind, dass heute keine Einigkeit darüber besteht, was genau eine Revolution auszeichnet. Es gibt fast so viele Begriffsdefinitionen wie Wissenschaftler, die sich mit Revolutionen auseinander setzen. Dennoch lassen sich aus der Vielzahl der Bestimmungen einige Komponenten herausfiltern, die den meisten Definitionen zugrunde liegen. Häufig versteht man unter Revolution eine rasche und tief greifende Form gesellschaftlichen Wandels, in der bestehende Rechtsordnungen zerstört und bisher geltende rechtliche Spielregeln außer Kraft gesetzt werden. Mit dem Zusammenbruch des staatlichen Gewaltmonopols geht ein Kampf von mindestens zwei Gruppen um die Souveränität einher. Bei geglückten Revolutionen kommt es zur gewaltsamen Ersetzung der herrschenden Eliten durch andere Eliten, denen es gelingt, die Massen zu mobilisieren und gemeinsam mit diesen grundlegende zukunftsgerichtete Veränderungen durchzusetzen. Nach der Machtübernahme erfolgt ein rascher Wandel der herrschenden Werte, der politischen Strukturen, der sozialen Verhältnisse, der Regierung und der politischen Entscheidungen.
 
Einige Bestandteile dieser allgemeinen Bestimmung sind indes in der Forschung heftig umstritten. So herrscht keine Einigkeit darüber, ob Revolutionen immer mit Gewalt einhergehen und ob sie notwendig einen sozialen Wandel zur Folge haben müssen. Vor allem wird bezweifelt, ob Revolutionäre unbedingt das Ziel zu verfolgen haben, eine fundamentale zukunftsweisende Veränderung der bestehenden Strukturen herbeizuführen. Diese Fragen bilden deshalb einen zentralen Streitpunkt der gegenwärtigen Revolutionsforschung, weil dann sämtliche Erhebungen vor 1789 nicht als Revolutionen bezeichnet werden können. Vor der Französischen Revolution beriefen sich die an politischen Umstürzen Beteiligten auf alte Freiheitsrechte, die ursprüngliche Gleichheit aller oder einen Abschnitt der nationalen Geschichte, um ihr Handeln zu legitimieren. Häufig bezogen sie sich dabei weniger auf historische Fakten, sondern vielmehr auf nostalgisch verklärte Visionen der eigenen Vergangenheit. Obgleich die Revolutionäre vor 1789 somit überwiegend in dem Bewusstsein, frühere Zustände wiederherstellen zu wollen, operierten, zeitigten frühneuzeitliche Umstürze teilweise durchaus revolutionäre Konsequenzen. So erreichten die Beteiligten in der Englischen Revolution der 1640er-Jahre die Hinrichtung von König Karl I. und die Etablierung einer Republik, sodass es, vom Ergebnis her betrachtet, durchaus gerechtfertigt ist, dieses Ereignis als eine Revolution zu bezeichnen. Das Selbstverständnis der Beteiligten, einen zukunftsweisenden Umsturz herbeiführen zu wollen, zu einem notwendigen Kriterium des Revolutionsbegriffs zu machen, ist auch deshalb wenig sinnvoll, weil meist eine große Kluft zwischen den Zielen der Revolutionäre und den tatsächlichen Ergebnissen besteht. Insgesamt erscheint es daher gerechtfertigt, auch Umstürze, die sich vor 1789 ereigneten, als Revolutionen zu bezeichnen.
 
 Der Ablauf von Revolutionen - Ursachen und Auslöser
 
Die Revolutionsforschung, die besonders nach Gründen für den Ausbruch von Revolutionen fragte, unterscheidet zwischen längerfristigen Ursachen und kurzfristigen Auslösern. Obgleich es in Revolutionen maßgeblich um die Veränderung politischer Strukturen und den Austausch von Regierenden geht, liegen deren Wurzeln nicht primär im politischen Bereich. Sie gründen oft in einer Krisensituation, in der das soziale Gleichgewicht aus dem Lot geraten und ein Auseinanderstreben der gesellschaftlichen Kräfte eingetreten ist. Den Hintergrund für Revolutionen bildet meist eine Diskrepanz zwischen Werten und realen Lebensbedingungen, wobei zunächst gleichgültig ist, ob dieses Missverhältnis wirtschaftlicher, sozialer oder politischer Natur ist. So können Forderungen von Staaten mitverantwortlich für den Ausbruch von Revolutionen sein, sofern deren Bürger diese nicht einlösen können oder wollen, weil die Forderungen etwa kollektive Identitäten oder alte Rechte bedrohen wie beispielsweise im Vorfeld der Amerikanischen Revolution. Mit der Losung no taxation without representation (keine Besteuerung ohne Stimmrecht) machten die Siedler ihre Rechte als freie Engländer geltend: Das britische Parlament konnte zwar legitimerweise hohe Zölle einfordern, aber die Auferlegung von Steuern ohne die Zustimmung von gewählten Repräsentanten wurde als ein despotischer Akt bewertet, gegen den Widerstand geleistet werden musste.
 
Wirtschaftliche Faktoren können ebenfalls wichtig sein, wenn sie auch meist nicht die zentralen Gründe liefern. Entgegen der »Verelendungstheorie« von Karl Marx, nach der die zunehmende Degradierung der Industriearbeiterklasse im Kapitalismus diese schließlich zur Verzweiflung und zur unvermeidbaren Revolution führt, haben Untersuchungen ergeben, dass politische Umstürze nicht von Bevölkerungsgruppen initiiert wurden, die am Rande des Elends lebten. Wer täglich um sein Überleben kämpfen muss, hat weder Zeit noch Kraft oder Mittel für gewaltsamen Widerstand. Ende der 1930er-Jahre hat James Davies dagegen die These aufgestellt, dass Revolutionen häufig eine Phase wirtschaftlicher Prosperität vorausging, die kurz vor dem Ausbruch der Revolution abrupt abbrach. Von zentraler Bedeutung ist für ihn das Konzept der »relativen Deprivation«: In der Phase des wirtschaftlichen Aufschwungs werden Erwartungen hoch geschraubt; wenn diese abflaut, ist zu befürchten, dass nicht einmal der erreichte Lebensstandard auf Dauer gesichert werden kann. Anspruch und Wirklichkeit klaffen auseinander, und wenn die Kluft zwischen Zukunftshoffnungen und Zukunftsängsten zu groß wird, kommt es Davies zufolge zur Revolution. Er belegt seine These anhand einer Analyse der Russischen Revolution von 1917 und der ägyptischen Revolution von 1952, die jeweils auf eine Zeit ökonomischer Konsolidierung und wirtschaftlichen Wachstums folgten. Obgleich die Thesen von Davies als zu einseitig kritisiert worden sind, haben sie das Revolutionsverständnis insofern ergänzt, als nun meist anerkannt wird, dass Bewusstseins- und Wahrnehmungsebene der Beteiligten eine entscheidende Rolle spielen: Nicht tatsächliche wirtschaftliche, soziale oder politische Missstände fördern in erster Linie den Ausbruch von Revolutionen, sondern deren Bewertung als untragbar oder benachteiligend. Dabei sind nicht nur ökonomische Faktoren wichtig; vielmehr können sich auch Gruppen depriviert fühlen, die zwar vom wirtschaftlichen Wachstum begünstigt sind, es aber als ungerecht empfinden, dass sie dadurch nicht größeres politisches Gewicht oder ein höheres soziales Prestige erlangen. Ein Beispiel dafür ist das französische Bürgertum in der Französischen Revolution, das die Abschaffung der Privilegien von Adel und Kirche sowie politische Mitsprache forderte.
 
Damit sich Gefühle der Unzufriedenheit und der relativen Benachteiligung in Revolutionen entladen, muss zusätzlich das Bewusstsein ausgeprägt sein, dass die bestehenden politischen Strukturen für die Misere verantwortlich sind. Daher spielt revolutionäre Propaganda, die breite Teile der Bevölkerung davon zu überzeugen versucht, tief greifende Änderungen in der Politik könnten gerechtere Verhältnisse schaffen, eine große Rolle.
 
Es führen aber nicht alle Krisensituationen zu Revolutionen, da die Regierenden auf den Verlauf der Ereignisse einwirken können. Ihnen bleiben im Wesentlichen drei Möglichkeiten, Revolutionen abzuwenden. Einerseits können sie selbst Reformen einleiten und denjenigen, die einen tief greifenden Umsturz befürworten, den Wind aus den Segeln nehmen. Andererseits können sie versuchen, die Bevölkerung davon zu überzeugen, dass die von den Revolutionären geforderten Wandlungen ihre Lage verschlechtern würden. Als dritte Möglichkeit bleibt ihnen, revolutionäre Gruppen frühzeitig zu unterdrücken. Solche Taktiken haben sich in bestimmten Situationen als erfolgreich erwiesen. Der britischen Regierung gelang es in den 1790er-Jahren, die revolutionäre Stimmung, die im Gefolge der Amerikanischen und der Französischen Revolution in England aufgekommen war, durch eine kompromisslose Repressionspolitik erfolgreich zu bekämpfen. So wurden die Habeas-Corpus-Akte ausgesetzt und einige führende Oppositionelle in Schauprozessen zum Tode oder zur Zwangsarbeit in den Kolonien verurteilt. Gleichzeitig konnte die konservative Propaganda weite Teile der Bevölkerung davon überzeugen, dass eine Revolution unweigerlich in Anarchie und Chaos enden würde. In Deutschland war es in der Krise nach dem Ersten Weltkrieg 1918/19 möglich, eine Revolution nach russischem Vorbild durch eine Verbindung von weit reichenden Reformen, der Schaffung einer Republik und der gewaltsamen Niederschlagung von Aufständen zu verhindern. Allerdings haben die Bemühungen der Regierenden nicht immer Erfolg. Die Reformen, die Ludwig XVI. einleitete, verbesserten die Situation im Vorfeld der Französischen Revolution kaum: Konservative hielten sie für zu radikal und aufgeklärten Zeitgenossen erschienen sie als völlig unzureichend. Der Einsatz von Reformen ist daher kein untrügliches Mittel, Revolutionen abzuwenden; im Gegenteil kann ein inkompetentes Eingehen auf Reformforderungen als Zeichen der Schwäche des Regimes gedeutet werden und den Eindruck der Ineffizienz verstärken.
 
Gelingt es den Machthabenden nicht, dem Volk ihre Absichten zu vermitteln, oder stehen ihnen keine ausreichenden Machtmittel zur Unterdrückung des Widerstands zur Verfügung, so besteht die Gefahr, dass die geforderten Verbesserungen gegen den Willen der Regierung und außerhalb der bestehenden politischen Rahmenbedingungen durchgeführt werden. Dabei wird die Wahrscheinlichkeit einer Revolution durch drei weitere Faktoren begünstigt: durch den Vertrauens- und Autoritätsverlust der Regierenden, die zunehmend als inkompetent und illegitim eingestuft werden, und durch die Machtminderung der Regierung. Diese Entwicklung, die etwa durch den als ungerecht empfundenen Gebrauch von Gewalt gefördert wird, geht häufig mit dem Abfall der Eliten von der bestehenden Regierung einher.
 
In solchen Situationen werden oft Feindbilder entworfen, die mit den tatsächlichen Eigenschaften der Machthabenden nicht viel zu tun haben müssen, die es aber den Revolutionären ermöglichen, sich selbst als positives Gegenbild der angeblichen Unmoral, Korruption und Ineffizienz der Regierenden darzustellen. Dieser Prozess lässt sich sehr schön an der Amerikanischen Revolution beobachten, denn zu Beginn der Auseinandersetzungen zwischen den Kolonien und dem britischen Mutterland verstanden sich die amerikanischen Siedler noch als gute Engländer, die stolz waren auf ihre freiheitliche englische Verfassung; erst im Verlauf der Revolution entstanden zahlreiche Propagandaschriften, die Amerika als ein einfaches, tugendhaftes Land zeichneten, das alle ursprünglichen britischen Tugenden behalten habe, während Großbritannien angeblich die Blüte seiner Zivilisation überschritten hatte und nun von Grund auf korrupt und verweichlicht sei. Sogar die Unabhängigkeitserklärung besteht zu zwei Dritteln aus einer Anklage des damaligen Königs Georg III., der als unverbesserlicher Despot gezeichnet wurde.
 
Revolutionen sind nicht nur ein Zeichen der Schwäche der Regime, sondern sie markieren gleichzeitig den Durchbruch einer neuen Wertewelt. Es werden oppositionelle Ideologien entwickelt, die eine alternative, bessere politische Ordnung verheißen und zugleich Widerstand und den Gebrauch von Gewalt legitimieren. Häufig wird eine Verwirklichung von Menschenrechten versprochen, wie etwa in der Virginia Bill of Rights und der Menschenrechtserklärung der französischen Nationalversammlung; aber zuweilen zeitigen schlichte und vage Schlagworte wie »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit« anhaltende Wirkung. Die Bedeutung solcher Parolen ergibt sich aus der Notwendigkeit, die Massen zu mobilisieren und zu einigen, um Revolutionen erfolgreich durchführen zu können. Die Bildung revolutionärer Organisationen oder die Verbreitung neuer Symbole wie des Bundschuhs der Bauernrebellen oder der einfachen langen Hosen der Sansculotten sind weitere Möglichkeiten, um um breite Unterstützung zu werben. Die Chancen auf einen Erfolg vergrößern sich außerdem, wenn es den Revolutionären gelingt, unterschiedliche Bevölkerungsgruppen wie Bauern und Mittelschichten hinter sich zu vereinigen.
 
Für den Ausbruch von Revolutionen ist oftmals ein direkter Auslöser verantwortlich, der die Regimekritiker glauben lässt, dass sie den Regierungstruppen militärisch überlegen seien. Ein verlorener Krieg oder Anzeichen dafür, dass das Militär zu den Aufständischen überlaufen werde, können daher einen Anlass für den Beginn gewaltsamer Auseinandersetzungen sein, in denen mindestens zwei Gruppen um die Kontrolle des Staates kämpfen. Eine solche militärische Ausgangslage bestand etwa im Vorfeld der Russischen Revolution, in der das russische Heer während des Ersten Weltkriegs im Jahre 1916 durch das Scheitern der Brussilow- und Kerenskijoffensiven große Verluste hinnehmen musste.
 
Bei den kriegerischen Auseinandersetzungen mit dem alten Regime befanden sich die Revolutionäre zunächst oft im Nachteil, denn die Offiziersschicht war auf den Staat eingeschworen, und die Armee wurde von der Regierung bezahlt, die den Gehorsam der Soldaten legitimerweise einfordern konnte. Revolutionäre Truppen mussten daher häufig einen Mangel an Waffen und Schulung ausgleichen, was ihnen teilweise in brillanter Weise gelang. So schuf Oliver Cromwell in den 1640er-Jahren mit seiner New Model Army eine Armee, die auf völlig neuen Prinzipien basierte.
 
Den Verlauf, den Revolutionen nach der Niederlage der Truppen des alten Regimes nehmen, hat Anfang der 1960er-Jahre Crane Brinton in mehrere Phasen unterteilt. Anhand einer Analyse der englischen, Amerikanischen, Französischen und Russischen Revolution kam Brinton zu dem Schluss, dass in einer ersten Phase die Gemäßigten herrschten. Da die Verwirklichung revolutionärer Ziele aber radikale Maßnahmen erfordert, können sich die Gemäßigten in der Regel nicht lange halten. Schließlich müssen die Feinde im Inneren ausgeschaltet, die Administration zentralisiert, die nichtrevolutionäre Bevölkerung integriert, die politische Mobilisierung anderer Gruppen verhindert und eine schlagkräftige Armee aufgebaut werden. Moderatere Politiker werden daher entweder von Konterrevolutionären besiegt oder von Radikalen beseitigt. So wurden die gemäßigteren Parlamentsmitglieder in England 1648 gewaltsam aus dem Parlament ausgeschlossen, was den Weg für die Hinrichtung des Königs bereitete. Auch die provisorische Regierung, die nach der Februarrevolution 1917 in Russland regierte, hatte nicht lange Bestand. Kurze Zeit nach deren erster Krise im April konnten die Bolschewiki die Macht an sich reißen. Nach der Ausschaltung der Gemäßigteren etablieren die Radikalen nach Brinton ein Regime des Terrors, um ihre Absichten durchzusetzen. Die letzte Phase der Revolution ist diesem Modell zufolge die Zeit des Thermidors, die nach dem Ausgang der Französischen Revolution benannt wurde. Die Herrschaft von Militärdiktaturen bestimmt diese abschließende Phase.
 
 Typen der Revolution
 
Revolutionstypen werden nach den beteiligten Bevölkerungsgruppen und nach dem inhaltlichen Schwerpunkt unterschieden. Die wichtigsten Typen bilden die ständische Revolution, die Bauernrevolution, die bürgerliche und die proletarische Revolution. Die Träger von Revolutionen sind nach eigenem Verständnis Minderberechtigte, gleichgültig, ob es sich um Bauern oder Adlige handelt. Nach ihren Inhalten unterscheidet man zwischen politischen und sozialen Revolutionen. Außerdem kann man differenzieren zwischen Revolutionen nach »westlichem Muster«, zu denen die Französische und die Russische Revolution zählen, und Revolutionen nach »östlichem Muster«, etwa die vietnamesische oder kubanische Revolution. In »westlichen« Revolutionen brachen zunächst die politischen Organe zusammen, danach wurden neue Institutionen etabliert. Außerdem spielten Hauptstädte in diesen Umstürzen eine große Rolle, da dort die Bevölkerungsdichte und die Kommunikationskanäle vorhanden waren, die eine Massenmobilisierung ermöglichten. Solche Revolutionen begannen meist mit der Besetzung von Hauptstädten und griffen dann auf die ländliche Bevölkerung über. So kam es in der Französischen Revolution erst nach dem Sturm auf die Bastille in Paris, die als Symbol der despotischen Herrschaft Ludwigs XVI. galt, zu Bauernerhebungen auf dem Land. Wichtig waren Hauptstädte auch deshalb, weil sie den zentralen Regierungssitz und damit den Ort bildeten, an dem man einer Regierung habhaft werden konnte. Außerdem gelangten durch die Einnahme der Hauptstädte die zentralen Verwaltungsorgane in die Hand der Revolutionäre. Ein Grund für das Scheitern der 1848er-Revolution in Deutschland kann daher darin gesehen werden, dass es erst seit 1871 eine deutsche Hauptstadt gab.
 
»Östliche« Revolutionen verlaufen nach einem anderen Muster. Dies liegt teilweise daran, dass sie später stattfanden und die Revolutionäre aufgrund der relativen Modernität der bestehenden Regime, in deren Folge diese mehr Macht, Legitimität und Waffen besaßen, größere Schwierigkeiten zu überwinden hatten. Um ein so ausgestattes Regime stürzen zu können, mussten erst neue Organisationen gebildet werden, die einen anhaltenden und effizienten Kampf koordinieren konnten. Häufig wurde die Machtbasis der alten Regime durch lang andauernde Guerillakämpfe, die zu einem Bestandteil moderner Revolutionen und Gegenrevolutionen geworden sind, unterwandert. In Vietnam und in Kuba rangen die Kontrahenten jahrelang um die Macht, wobei zunächst Teile der Bevölkerung auf dem Land für die revolutionäre Sache gewonnen werden konnten, bis schließlich die Hauptstadt eingenommen wurde. Bei »östlichen« Revolutionen lässt sich daher im Gegensatz zu »westlichen« ihr Beginn häufig nicht genau datieren, während der endgültige Zeitpunkt der Machtergreifung präzise festgelegt werden kann: In Kuba der 1. Januar 1959, an dem Fidel Castro Ruz die Macht anstelle des geflohenen Fulgencio Batista y Zaldívar übernahm.
 
 Die Revolution aus kommunistischer Perspektive
 
Einige Revolutionstheorien sind nicht zuletzt deshalb von großer Bedeutung, weil sie den Ablauf von Revolutionen beeinflussten. Zu den wichtigsten Theoretikern gehören zweifellos Karl Marx (1818—83) und Friedrich Engels (1820—95). Für beide bilden Revolutionen Prozesse, die im Verlauf der Geschichte notwendig erfolgen und den Übergang von einer Gesellschaftsform zur nächsten darstellen. Diese meist gewaltsamen Umwälzungen gründen auf dem jeweiligen Entwicklungsstand der ökonomischen, sozialen, historischen und kulturellen Situation, können aber durch menschliches Handeln beschleunigt oder verlangsamt werden. Marx und Engels zufolge zerstören Revolutionen alte Strukturen und leiten qualitativ andere soziale Klassen- und Herrschaftsverhältnisse ein. So bedingen bürgerliche Revolutionen den Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus und zur Herrschaft des Bürgertums, die wiederum durch die proletarische Revolution beendet werde. In dieser stelle die Diktatur des Proletariats eine Übergangsphase dar, bevor es zur Etablierung einer klassenlosen Gesellschaft komme, in der es keine Herrschaft mehr gebe und die Entfremdung des Menschen aufgehoben werde.
 
Nach Marx und Engels muss der Kapitalismus in seiner Spätphase angelangt sein, bevor die wirtschaftlichen Voraussetzungen für die proletarische Revolution gegeben sind; Wladimir Iljitsch Lenin (1870—1924) vertrat angesichts der rückständigen russischen Verhältnisse zu Beginn des 20. Jahrhunderts jedoch eine andere Meinung. Lenin hielt eine sozialistische Revolution auch da für möglich, wo die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen noch nicht so weit fortgeschritten waren, dass die Arbeiterschaft von sich aus die Initiative übernehmen konnte. Er wartete nicht auf die Eskalation des Gegensatzes zwischen Produktionsverhältnissen und Produktivkräften, sondern hielt Revolutionen prinzipiell für machbar. Notwendig sei lediglich eine klare Planung durch eine Organisation, die über einen hohen Wissensstand verfüge und in der Lage sei, die Massen zu führen. Diese Leitung sollte eine zentralistisch organisierte Partei von Berufsrevolutionären unter Führung ihres Zentralkomitees übernehmen. Die avantgardistische, der Arbeiterschaft überlegene Partei der Berufsrevolutionäre wurde für Lenin damit zur Bedingung für den Erfolg einer Revolution. Rosa Luxemburg (1870—1919) vertrat demgegenüber die Auffassung, dass Revolutionen vom gesellschaftlichen Entwicklungsstand abhingen und spontane Äußerungen von proletarischen Massen bildeten. Die Initiative müsse vom Proletariat ausgehen, das auf keinen Fall von einer Partei dirigiert werden dürfe.
 
Mao Zedong (1893—1976) hingegen entwickelte eine völlig andere, auf die chinesischen Verhältnisse zugeschnittene Variante der kommunistischen Revolutionstheorie. Getreu seiner Devise, die politische Macht komme aus den Gewehrläufen, beruhte sein Plan auf den Guerillakämpfen unterlegener revolutionärer Kampfeinheiten, die von den besitzlosen Bauern unterstützt werden sollten. Die ländliche Bevölkerung sollte unter Anleitung der Kommunistischen Partei die Städte umzingeln und das Gelingen der Revolution sichern. In Hinsicht auf die ökonomische Grundlage, die Träger und den Ablauf der Revolution sowie den Gebrauch von Gewalt bestehen daher große Unterschiede zwischen den Theorien von Marx, Lenin und Mao.
 
Eine Gemeinsamkeit zwischen der russischen und chinesischen Revolutionstheorie besteht dagegen in der Auffassung, dass neben der politischen und ökonomischen Umwälzung auch eine Kulturrevolution erfolgen müsse. Ziel dieses fundamentalen kulturellen Wandels war es Lenin zufolge, einen neuen Menschen und eine sozialistische Intelligenz heranzubilden; der geistige Horizont der Volksmassen sollte erweitert und eine breite Volkskultur ausgeprägt werden. Im Gegensatz zu Vorstellungen vom Proletkult, der einen scharfen Kontrast zur bürgerlichen Kultur bildete, vertrat Lenin die Ansicht, dass das Gute aus dem alten Kulturerbe bewahrt werden solle. Neue sozialistische Werke — bewusst parteilich und für die Volksmassen verständlich — traten in Lenins Konzeption, die sich später durchsetzen konnte und im sozialistischen Realismus ihren Ausdruck fand, neben die traditionelle bürgerliche Kunst.
 
Auch Mao gelangte in den 1960er-Jahren zu der Überzeugung, eine proletarische Kulturrevolution müsse in China die politische und soziale Revolution vollenden. Da die bürgerliche Kultur ihm zufolge eine Emanzipation der Menschen verhinderte, müsse der Klassenkampf fortgeführt werden, um eine neue Ära sozialistischer und proletarischer Kultur einzuleiten, die den Menschen befreie. Dafür sei es notwendig, gegen bürgerliche Künstler und Kritiker vorzugehen und die Hochschätzung klassischer und sowjetischer Literatur zu beenden. Da diese Umerziehung Maos Auffassung nach ohne Gewaltmaßnahmen durchgeführt werden sollte, konnte die Armee nicht eingesetzt werden; Schüler und Studenten, die sich in der »Roten Garde« zusammenschlossen, waren die ersten Träger der chinesischen Kulturrevolution. Es greift jedoch zu kurz, diese Revolution ausschließlich als den Versuch der umfassenden kulturellen Indoktrination der städtischen Massen zu begreifen. Sicherlich spielten auch Maos Ziele eine Rolle, in einer »Säuberungsaktion« seine Gegner innerhalb der Kommunistischen Partei auszuschalten und seine Vorstellungen des Marxismus-Leninismus in ganz China durchzusetzen.
 
 Die industrielle Revolution
 
Angesichts der grundlegenden Merkmale des politischen und kulturellen Revolutionsbegriffs verwundert es kaum, dass einige Wissenschaftler den Terminus »industrielle Revolution« ablehnen. Wenn sich eine Evolution dadurch von einer Revolution unterscheidet, dass sie sich längerfristig vollzieht und von niemandem absichtlich in Gang gesetzt wird, könnte man auch von einer »industriellen Evolution« sprechen. Andererseits aber rechtfertigen es die grundlegenden Umwälzungen, die mit dem Durchbruch des Industrialisierungsprozesses einhergingen, den Revolutionsbegriff auf die wirtschaftliche Entwicklung zu übertragen. Der Begriff »industrielle Revolution« bezeichnet im Allgemeinen jene Phase schneller technologischer, ökonomischer und sozialer Veränderungen, die den Übergang von einer relativ statischen, feudalistisch geprägten Agrargesellschaft zu einer rasch expandierenden Industriegesellschaft kennzeichnen. Dieser Wandel vollzog sich seit der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts zuerst in England, danach in fast allen europäischen und nordamerikanischen Staaten sowie in Japan. Inwieweit diese Entwicklungsmodelle auf den Industrialisierungsprozess von Ländern der Dritten Welt übertragen werden können, bleibt umstritten; sicherlich hängen die genauen Verlaufsformen von den sozioökonomischen, politischen, kulturellen und natürlichen Rahmenbedingungen ab.
 
Der Übergang vom linearen zum exponentiellen Wachstum beruhte auf drei Ursachenkomplexen. Von grundlegender Bedeutung war zum einen ein fundamentaler technischer Wandel, der sowohl die Produktion als auch den Transport von Waren maßgeblich prägte und mit der Erfindung neuer Produktionsverfahren und Maschinen wie etwa der Dampfmaschine einherging. Weitere Voraussetzungen bildeten die Steigerung des verfügbaren Geld- und Sachkapitals sowie die Vermehrung des Arbeitsangebots infolge des Bevölkerungswachstums. Der Ausdruck »industrielle Revolution« bezog sich zunächst nur auf die Umwälzung der Produktionstechniken, wurde später aber auch auf die damit in Gang gesetzten Veränderungen der sozialen Verhältnisse in England angewandt. In Bezug auf Westeuropa und Nordamerika verwendete man diesen Begriff schließlich sogar zur Bezeichnung eines Zeitalters.
 
 
Überblickt man die vielfältigen Bedeutungen des Revolutionsbegriffs, die von rückwärts- und zukunftsorientierten gewaltsamen politischen und sozialen Umstürzen über fundamentale kulturelle Veränderungen bis zu einem längerfristigen ökonomischen Wandel reichen, so erscheint die Scheu Ludwigs XVI., dieses Wort zu verwenden, geradezu modern. Zumindest einige moderne Wissenschaftler vertreten die Auffassung, der Revolutionsbegriff bezeichne so viele unterschiedliche Phänomene, dass er vage und wertlos geworden sei. Solchen Bedenken zum Trotz zeigt aber gerade die Popularität dieses Wortes, dass man offensichtlich nicht gut ohne seinen Gebrauch auskommen kann. Eine Beschäftigung mit diesem allgegenwärtigen Begriff, dessen positive Konnotationen in allen Lebensbereichen von der Politik bis zur Mode genutzt werden, ist daher nicht nur für Historiker von Interesse.
 
Dr. habil. Vera Nünning
 
Weiterführende Erläuterungen finden Sie auch unter:
 
Amerikanische Revolution (1776 bis 1783): Das Streben nach Glück
 
Französische Revolution von 1789: Vom dritten Stand zur Nation
 
englische Revolutionen des 17. Jahrhunderts: Um Glaube und Recht
 
Grundlegende Informationen finden Sie unter:
 
Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit: Utopie oder Realität?
 
 
Arendt, Hannah: Über die Revolution. Aus dem Amerikanischen. Taschenbuchausgabe München u. a. 1994.
 Berding, Helmut: Revolution als Prozeß, in: Historische Prozesse, herausgegeben von Karl-Georg Faber u. a. München 1978.
 Brinton, Crane: Die Revolution und ihre Gesetze. Aus dem Amerikanischen. Frankfurt am Main 1959.
 Davies, James C.: Eine Theorie der Revolution. Aus dem Amerikanischen. in: Theorien des sozialen Wandels, herausgegeben von Wolfgang Zapf. Köln u. a. 1969.
 
Empirische Revolutionsforschung, herausgegeben von Klaus von Beyme. Opladen 1973.
 Johnson, Chalmers: Revolutionstheorie. Aus dem Englischen. Köln 1971.
 Koselleck, Reinhart u. a.: Revolution, Aufruhr, Bürgerkrieg, in: Geschichtliche Grundbegriffe, herausgegeben von Otto Brunner u. a. Band 5. Stuttgart 1984. Nachdruck Stuttgart 1994.
 Lenk, Kurt: Theorien der Revolution. München 21981.
 
Politische Systemkrisen, herausgegeben von Martin Jänicke. Köln 1973.
 
Revolution und Gesellschaft. Theorie und Praxis der Systemveränderung, herausgegeben von Theodor Schieder. Freiburg im Breisgau u. a. 1973.
 Seibt, Ferdinand: Revolution in Europa. Ursprung und Wege innerer Gewalt. Strukturen, Elemente, Exempel. München 1984.
 Tilly, Charles: Die europäischen Revolutionen. Aus dem Englischen. München 1993.
 Zimmermann, Eckart: Krisen, Staatsstreiche und Revolutionen. Theorien, Daten und neuere Forschungsansätze. Opladen 1981.

Universal-Lexikon. 2012.

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